Interview mit Thomas Prinz

Thomas Prinz (45) leitet seit Anfang 2017 das Jugendhaus Ariba in der Heinestraße
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Herr Prinz, Sie leiten seit Jahresanfang hier das Jugendhaus Ariba. Was ist Ariba eigentlich?

Ariba gehört zur Stiftung Jugendwerk, das Jugendwerk hat vier Häuser und das Jugendcafé in der Stadt. Das Jugendwerk ist eine Stiftung, die eng mit der Stadt kooperiert, speziell im Hinblick auf offene Jugendarbeit. Die Finanzierung erfolgt durch die Mittel der Stiftung und die Zuschüsse der Stadt.

Ich selber bin ursprünglich evangelischer Diakon, habe vor über 20 Jahren Theologie studiert und seitdem in kirchlich-kommunaler Trägerschaft offene Jugendarbeit gemacht. Das war eine Mischung aus sozialer Arbeit und Verbandsarbeit. Daneben hab ich mich über verschiedene Einrichtungen weitergebildet, habe 2012-2015 nochmal studiert, diesmal soziale Arbeit, in der Hochschule Villingen-Schwenningen. Damit hatte ich einen staatlichen Abschluss für diese Tätigkeit, hab mich dann hierher beworben und wurde genommen.

Wieso wollten Sie ausgerechnet hierher?

Ich habe die letzten Jahre schon im Süden gearbeitet, in Bayern und auf der Ostalb im ländlichen Raum, und da war Reutlingen ein attraktives Angebot. - Ursprünglich komme ich aus Hessen, aus der Vogelsberg-Gegend nördlich von Frankfurt.

Wie sind Sie auf Diakon als Berufsbild und dann die Jugendarbeit gestoßen, können Sie da ein bisschen von sich erzählen?

Schon als Jugendlicher war ich kirchlich sozialisiert, auch durch meine Eltern. In dem Zusammenhang hab ich an etlichen Freizeiten und Zeltlagern teilgenommen, habe da ziemlich bald auch selbst aktiv mitgearbeitet. Davon war ich sehr begeistert, und ich fand das toll und es hat mich dann auch zunehmend geprägt. Ich konnte da Verantwortung übernehmen und meine Gaben einbringen, was man halt bei der Jugendarbeit so erlebt. Das alles hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich mir sagte, ich möchte das gerne zu meinem Beruf machen. So hab ich dann meine Fühler ausgestreckt, was da möglich ist, habe Fachabitur gemacht und anschließend studiert, in der Schweiz. Das verlief bei mir anders als bei meinen Geschwistern, die haben eine klassische Banklehre und sind in die Beamtenlaufbahn gegangen. Übrigens sind auch meine Eltern beide beruflich nicht im kirchlichen Bereich tätig. Aber der soziale Bereich hat mich von Anfang an besonders interessiert.

Das erste Mal hab ich dann in Frankfurt gearbeitet und dort die offene Jugendarbeit kennengelernt. Da ging es um Jugendliche, die den größten Teil ihrer Freizeit auf der Straße verbracht haben, und wir hatten als Kirchengemeinde einen offenen Innenhof. Das bot sich an: nachdem bei denen zuhause im Hof das Spielen verboten war, war es bei uns erlaubt. So nach und nach hab ich dann mit ihnen herausgefunden, was wir miteinander machen können und entsprechende Programme entwickelt.

Nun hatten Sie ja erstmal Theologie studiert gehabt - war diese Stelle denn von vornherein so ausgeschrieben?

Nein, da ging es erstmal um klassische Gemeindearbeit mit Jugendlichen, Senioren und allem was sonst noch so dazu gehört. Aber weil die Jugendlichen halt nun mal da waren, habe ich neben der kirchlich-verbandlichen Jugendarbeit mit ihnen gearbeitet, obwohl sie gar keine kirchliche Sozialisation hatten. Aber sie waren einfach Nachbarn, und dadurch habe ich halt parallel zur klassischen Gemeinde-Jugendarbeit einen neuen Zweig der Arbeit aufgebaut. Diese Arbeit ist danach sukzessive gewachsen, und für mich war es sehr spannend zu sehen, was alles möglich ist. Damals kam ich ja noch frisch von der Ausbildung, und das war eine interessante Erweiterung meiner Perspektive. Wir haben diese beiden Zweige der Jugendarbeit, die kirchliche und die offene, zunächst mal parallel betrieben und sie dann immer wieder verknüpft, wenn uns das passend schien. Die Zugehörigkeit zur Gemeinde war aber keine Zugangsvoraussetzung. Die Jugendlichen waren ja schon da, die mussten sich nicht bekehren, um weiter kommen zu dürfen.

Diese zweigleisige Art der Arbeit zieht sich durch meine Biografie, durch meinen beruflichen Werdegang. Das hab ich dann in den anderen Einrichtungen, wo ich war, entsprechend übernommen. Das hat mich geprägt, und ich konnte dann weitere Erfahrungen machen und mich entsprechend weiterbilden in der offenen Jugendarbeit.

Sie haben dann noch in anderen Einrichtungen gearbeitet?

Ich war dann noch in anderen Kirchengemeinden, zunächst in Hessen, später in Bayern, konkret in Nürnberg. - Natürlich hatte ich immer mit der Schule zusammengearbeitet, weil Schule ja immer ein Teil der Lebenswelt der Jugendlichen ist. Ich bin Religionslehrer, konnte dadurch auch in verschiedenen Bereichen in der Schule agieren und das für die offene Jugendarbeit nutzbar machen. Das war dann nicht immer nur Religionsunterricht, sondern ich hab auch Sozialtraining gemacht in manchen Klassen, für diese Aufgabe wurde ich dann jedes Mal entsprechend eingeladen. Auf diese Weise haben sich viele Kontakte gebildet und im Lauf der Zeit ein Netzwerk. Da gab es dann Kurse mit Grundschülern oder jungen Realschülern mit dem Thema "soziales Lernen" und "Umgang mit Konflikten".

Das hätten Sie ja alles so weiter machen können. Weshalb haben Sie sich dann doch nochmal auf das Thema "Soziale Arbeit" gestürzt?

Ich bin zwar Diakon, aber es schien mir besser, wenn ich auch eine offizielle staatliche Anerkennung habe. - Das Studium erfolgte berufsbegleitend auf einer dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen: abwechselnd immer drei Monate Praxis auf meiner Stelle, und drei Monate Theorie, und das ging von 2012 bis 2015. Übrigens hab ich auch nicht mehr "Jugendarbeit" studiert, immerhin hatte ich ja 20 Jahre eigene Erfahrung, sondern es ging mir mehr um den Schwerpunkt "Netzwerk- und Sozialraum-Arbeit". Das war sehr spannend, weil es da nicht mehr nur um die Jugendarbeit alleine geht, sondern um den Stadtteil als Sozialraum, um die erweiterte Lebenswelt der Jugendlichen und um generationsübergreifende Ansätze.

Irgendwann entwickelte sich bei mir der Gedanke, dass es jetzt auch mal Zeit ist, auf einer Stelle außerhalb des kirchlichen Bereichs zu arbeiten. Zu dem Zeitpunkt war ich schon eine Weile auf der Ostalb, in Giengen an der Brenz. Im Herbst 2016 hab ich mich dann nach Reutlingen beworben, für diese Stelle.

Und warum grade Reutlingen, haben Sie einen persönlichen Bezug hierher?

Nein, ich wollte einfach wieder mal in einer größeren Stadt sein. Das Großstadtleben hab ich früher geliebt, und gemessen daran war Giengen auf die Dauer etwas klein.

Reutlingen ist ja nun auch nicht die Mitte der Welt?

Ein bisschen größer als Giengen ist es aber schon.

Wohnen Sie auch im Ringelbach-Gebiet?

Nein, ich wohne im Hohbuch, sozusagen angrenzend.

Seit Ihrem Tätigkeitsbeginn im Januar ist es ja noch nicht so lang her. Aber haben Sie denn hier im Ringelbach trotzdem schon irgendetwas Besonderes erlebt, was sich zu erwähnen lohnt?

Also die Arbeit selber ist hier etwas Besonderes: Ich hab ja schon eine Menge Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen, und in einem gewissen Alter sind sie ja alle gleich. Trotzdem ist mir auch hier wieder aufgefallen, wie massiv unterschiedlich Menschen sein können. Ob das jetzt mit der Stadt oder dem Land zu tun hat - ich weiß es nicht. Sie hören zwar die gleiche Musik, haben die gleichen Trends, sie haben dasselbe Käppi auf, aber trotzdem gibt es da immer etwas, wo sie krass unterschiedlich sind. Du kannst auf keine Erfahrungen zurückgreifen, sondern du musst jedes Mal wieder ganz von vorn anfangen. Das finde ich immer wieder spannend, und das war auch diesmal so.

Das ist natürlich jetzt keine Erkenntnis, die sich speziell auf die Jugendlichen im Ringelbach bezieht, sondern es gilt wahrscheinlich ganz allgemein. Trotzdem war es für mich eine neue Herausforderung, wieder ganz bei Null anzufangen, und obwohl man schon diese ganze Erfahrung hat, doch wieder der Lernende zu sein.

Ansonsten hab ich versucht, mich hier schnell einzuleben, und mich bemüht, Kontakte und Angebote zu finden. Ich hab kulturelle Sachen besucht und da inzwischen schon manches Schöne erlebt, beispielsweise klassische Konzerte in der Stadthalle.

Bei vielen Menschen gibt es eine Phase ihres Lebens oder ein Ereignis, das sie später rückwirkend als einschneidend oder prägend ansehen für ihre weitere Entwicklung. Gab es bei Ihnen auch so etwas?

Die Entscheidung, meine Erfahrungen als jugendlicher Mitarbeiter zur Grundlage für meinen späteren Beruf zu machen, würde ich schon als einschneidend ansehen. Dazu gehört auch die Erfahrung mit meinem persönlichen Glauben, und die Zukunftsmöglichkeiten, die sich aus dieser Orientierung ergaben. Das war sehr positiv, weil ich gemerkt habe, dass mich das auch als Mensch positiv verändert - ganz ohne Zwang. Damals hab ich dieses Getragen-Sein gespürt und auch die Überzeugung, dass ich darauf mein Leben aufbauen kann.

Gab es auch eine persönliche Begegnungen mit einem ganz konkreten Menschen, von der Sie heute sagen können, dass dieser Umgang einen entscheidenden Einfluss hatte auf Ihr Leben?

Da gibt es mehrere Menschen. - Aber der Jugendleiter, der damals über mehrere Jahre diese Freizeitaktionen organisiert hat - ich selber war damals 17 und er Mitte 30, und er war wohl auch hauptamtlich irgendwo angestellt - diese Begegnung hat mich schon sehr beeindruckt und geprägt. Er hat mich als seinen ehrenamtlichen Kollegen behandelt, und er hat mich für voll genommen, als erwachsenen Menschen. Er hat mir die Gaben, die er in mir gesehen hat, dann auch gespiegelt und gesagt "Thomas, das kannst du, das machst du gut".

Gibt es irgend etwas, das Sie mit ihren Erfahrungen gerne an junge Menschen weiter geben möchten?

Ich sag immer wieder: Ihr müsst irgendwann wissen, auf was ihr euer Leben aufbaut. Was hält, wenn die Lebenslage nicht so ist, wie ich mir das vorstelle? - Was hält, wenn mein Beruf nicht das bringt, was ich erwarte? - Was hält mich, wenn mein Körper nicht mehr mitmacht? - Was hält mich im Leben?

Eine weitere Frage wäre dann auch: Welchen Beitrag kann ich leisten, dass eine Gemeinschaft funktioniert und tragfähig erhält - weil ich ein Teil einer Gemeinschaft bin, und diese Gemeinschaft kann mich dann auch halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Dr. Hermann Mezger)