Interview mit Hans Bock

 
 
Hans Bock (78)
hat sich beruflich wie sportlich hochgearbeitet.
Sein Lebensmotto lautet „Immer flott unterwegs“

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Hans, wie alt bist du jetzt?

78 Jahre.

Und seit wann lebst du im Ringelbach?

In Reutlingen bin ich seit 1953. Erst in der Gustav-Schwab-Straße, und dann habe ich in der Storlachsiedlung gewohnt, anschließend 18 Jahre in Pfullingen, und vor 26 Jahren bin ich hierher ins Ringelbach-Gebiet gezogen. Unsere Wohnung wurde damals wegen Eigenbedarf gekündigt, dann hat sich die Gelegenheit zum Umzug hierher ergeben, und das Ringelbach-Gebiet ist eine wunderbare Wohngegend. Neben meiner Frau war damals auch unser Sohn noch kurze Zeit da, bis er in seinen Beruf gefunden und dann auch geheiratet hat. Die letzten 24 Jahre wohnen wir seitdem hier alleine.

Hast du denn in der Zeit, in der du hier in diesem Wohnquartier gelebt hast, irgendetwas Besonderes erlebt, etwas Bemerkenswertes?

Es ist einfach eine wunderbare Wohngegend, weil man in einer Viertelstunde schon zu Fuß oder mit dem Fahrrad in der Stadt ist. Und weil ich ja sehr sportlich bin: ich habs nicht weit zum Freibad und zum Tennisspielen und zu den Fußballspielen vom SSV und Young Boys, außerdem kann ich den schönen Georgenberg und den Wasenwald durchschlendern. Mit dem Fahrrad kann man auch Touren auf die Alb und überallhin unternehmen. Die Nachbarschaft ist sehr sehr nett, und es ist angenehm ruhig hier.

Wie bist du hierher gekommen?

Ich stamme gebürtig aus Breslau in Schlesien, bei Kriegsende war ich 6 Jahre alt. - Mein Vater war schon ein älterer Mann, war heimatverpflichtet und musste in Breslau Munition produzieren. 2 Monate vor Kriegsende gab es vermehrte Flieger- und Bombenangriffe, und da fuhr er einmal mit dem Fahrrad aus Breslau raus, um seiner Familie zu helfen, also meiner Mutter und mir. Bei dieser Fahrradfahrt wurde er von einem Tieffliegerangriff getroffen und ist gestorben. Den Anblick hab ich ganz schrecklich in Erinnerung, als wir ihn dann gesehen haben, nachdem jemand ihn gefunden und man uns Bescheid gesagt hatte.

Dann kamen die Polen, zusammen mit russischen Soldaten, und da wurden wir vertrieben und mussten Schlesien verlassen, also meine Mutter und ich, ich habe keine Geschwister und war der Einzige. Es gab so viele Vergewaltigungen damals, meine Mutter hat Angst gehabt und sagte da will ich nicht bleiben. Sie hat dann viele Sachen verkauft um an etwas polnisches Geld zu kommen. Dadurch konnte sie die Fahrt mit dem Bus bezahlen. Der polnische Bus fuhr nachts, das musste alles heimlich geschehen.

Über den Grenzübergang bei Görlitz sind wir dann nach Bad Tennstedt gegangen, das ist in der Nähe von Bad Langensalza in Thüringen. Dort lebten gute Freunde von meiner Mutter, und da sind wir auch hingezogen, dort bin ich auch in die Schule gegangen. Wir lebten auf einem großen Bauernhof, und das war für mich wunderbar: wenn du so im Alter zwischen 6 und 14 Jahren auf einem Bauernhof bist, mit all den ganzen Tieren, Bullen und Kühen, Schweinen und Hühnern. Hier habe ich als junger Mensch landwirtschaftlich zu arbeiten gelernt, und es gab 1-2 mal im Jahr einen Dresch- und Schlachttag.

Und warum seid ihr dort nicht geblieben?

Da kam ja dann die Grenze zum Westen hin, und alle sagten, dort im Westen gibt es alles, was es hier nicht gibt. Einmal war ich mit meiner Mutter in Berlin in der Zeit, kam dabei auch nach Westberlin, und da hab ich dann mit 12 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben eine Banane gegessen! Es wurde dann aber schwierig mit der Versorgung, so etwa 1952, obwohl man auf dem Bauernhof ja immer genug zu essen hatte, Wir haben uns dann trotzdem entschlossen, in den Westen zu gehen. Das ging erstmal über Berlin, weil man dort gefahrlos über die Grenze in den Westen kam. In Berlin-Schöneberg waren wir 3 Monate im Flüchtlingslager, bis das mit den ganzen Anerkennungen erledigt war. Von da aus mussten wir nach Weinsberg, dorthin wurde man von Berlin aus verteilt, in Weinsberg waren wir dann nochmal ein Vierteljahr. Finanzielle Probleme hatten wir keine so großen, im Lager ist man schon versorgt worden. Wir haben dann versucht, weiter zu kommen nach Reutlingen, weil es da Bekannte der Familie gab.

In Reutlingen hat meine Mutter dann bei der Firma Dacora/Dangelmeier in der Schwabstraße angefangen, die haben Fotoapparate gebaut. Meine Mutter war ja eigentlich Hausfrau und hatte keinen Beruf gelernt. Sie war aber eine tolle Hausfrau und tolle Mutter. Wir haben da anfangs ganz in der Nähe von dieser Firma gewohnt, in einem sehr einfachen Zimmerchen oben unterm Dach. Wir haben Bücher unter die Matratze gelegt, damit ich einen Platz zum Schlafen hatte. In dieser Behelfswohnung haben wir viele Jahre gelebt, bis wir dann eine richtige GWG-Wohnung bekommen haben.

Von dort aus bin ich dann in die Hermann-Kurtz-Schule gegangen, da musste ich noch die achte Klasse machen. Das war sehr schwierig für mich, schon rein politisch, denn beispielsweise in der Gemeinschaftskunde ging es ganz anders zu als drüben in Ostdeutschland. Also ich weiß noch, das mit der Gewaltenteilung im Westen, dieses Thema war für mich ganz neu und fremd.

Nach der Schule wollte ich Elektriker werden und hatte eine Lehrstelle in Aussicht. Aber als ich dort ankam, war die Stelle eine halbe Stunde vorher an jemand anderen vergeben worden. Doch als ich auf dem Arbeitsamt erzählte, dass ich auch Interesse an etwas Kaufmännischem habe, haben sie mir sofort eine kaufmännische Ausbildungsstelle besorgt, und dann habe ich eine Lehre zum Industriekaufmann gemacht. Ich wurde danach von der Firma auch übernommen und blieb da noch 1-2 Jahre. Aber dort hat man mich halt immer nur als "Hans" bezeichnet und nicht als "Herr Bock", weil ich da ja schon als junger Kerle angefangen hatte. Das hat mir nicht gefallen. Deshalb hab ich dann zur Textilfirma Eisenlohr gewechselt und blieb dort 5 Jahre.

Irgendwann wurde ich auf die DAA aufmerksam, das war die Deutsche Angestelltenakademie, dort hab ich dann ein Aufbauseminar gemacht. Jeden Tag war ich von 8 bis 17 Uhr bei der Arbeit, und von 18 bis 22 Uhr abends war ich in der Schule. Jeden Tag, Montag bis Freitag, und dann immer noch Samstagvormittag. Lernen, lernen, lernen. Nach 1 ½ Jahren hat man dann eine Prüfung gemacht und dann hatte ich die Studienreife. Aber von den 38 Leuten, die angefangen haben bei der DAA in Reutlingen, waren am Ende nur noch 8 übrig. Weißt du, das ist auch hart in dem Alter, neben der Arbeit noch dauernd lernen, ich war damals 20, da haben die anderen schon viel Geld verdient als Arbeiter. Aber ich sagte mir, ich will eine gute Ausbildung und eine gute Zukunft, beruflich und privat auch, und die anderen sind halt ins Freibad gegangen.

Die Weiterbildung an der Abendschule wurde vom Staat gefördert, und man konnte dann anschließend studieren bei der DAA. Das hat mich interessiert, und dann habe ich in Nürnberg 2 ½ Jahre Betriebswirtschaft studiert. Auch das Studium wurde staatlich gefördert: das kostete 25-30.000 DM, die Hälfte wurde vom Staat bezahlt, und die andere Hälfte musste ich als Ausbildungskredit in Raten zurückzahlen, als ich fertig war.

Nach dem erfolgreichen Studienabschluss durfte ich mich Diplom-Betriebswirt (FH) nennen und hab mich dann beworben bei der Firma Emil Adolff in Reutlingen. Teilweise hätte es mich schon gelockt, in eine andere Stadt zu gehen. Aber ich wollte meine Mutter nicht allein lassen, und in Reutlingen gab es ja viele gute Firmen. Beim Emil Adolff wurden damals auf zwei Papiermaschinen jeden Tag 55 Tonnen Papier hergestellt, davon die Hälfte für Kartonagen, und die andere Hälfte für die Textilhülsen als Garnträger für die Textilindustrie, die wurden in die ganze Welt geliefert. Das war eine große Firma, wir hatten zeitweise 1200 Mitarbeiter!

Anfangs war ich da Verkaufsassistent, und später wurde ich Verkaufsleiter, schließlich Prokurist. Dort blieb ich, bis die Firma 1983 in Konkurs ging. Später war ich dann noch in einem anderen Betrieb, der Kunststoffteile hergestellt hat, zuletzt 1992 bis 1995 bei der Leibfarth Verpackungstechnik in Pliezhausen. Als ich 58 war, konnte ich schon aufhören, das war eine Sonderregelung die es damals gab, und jetzt bin ich schon 22 Jahre im Ruhestand.

Aber neben der beruflichen Geschichte war für mich der Sport auch immer sehr wichtig. Als ich Mitte 20 war, sprach mich ein Kollege an, der hat Badminton gespielt. Da bin ich dann mal mit hingegangen, zur TSG Reutlingen. Wir waren gut, und wir sind bis in die Regionalliga aufgestiegen. Auch während dem Studium hab ich immer weiter gespielt, und deswegen war ich sogar dreimal Stadtmeister geworden in Nürnberg, also ich war ein sehr guter Spieler. - Ich war immer ein Teil der Mannschaft, und da gab es viele Auszeichnungen. Badminton hab ich gespielt bis zu meinem 50. Lebensjahr. Aber da hat mir der Arzt gesagt, hör endlich auf damit, du bringst dich damit um, das ist jetzt zu schnell für dich in deinem Alter. Danach hab ich dann halt mit dem Tischtennis weiter gemacht. Tennis spiele ich ja auch noch, aber nicht mehr in der Mannschaft, sondern nur noch privat.

Nach dem Ende der Berufstätigkeit hast Du dann ja noch eine Menge anderer Dinge gemacht?

Ja, ich hab viele Ehrenämter inne gehabt. Beim Tischtennisclub (TTC) kümmere ich mich um die Abteilung Breitensport. Außerdem bin ich Bürgermentor bei der Stadt geworden. Da macht man eine Ausbildung, und anschließend dann engagiert man sich in bestimmten Projekten. So hab ich beispielsweise Sponsorengelder eingeworben für die Einrahmungen für diese Schnurbäume vor der Stadthalle. - Als Bürgermentor beteiligt man sich halt an manchen Anlässen der Stadt, so kann man sich bei Veranstaltungen einbringen und helfen. Oder wenn die Stadt auf der „Garden life“- Ausstellung einen eigenen Stand machte, oder auf der Berufsmesse BINEA, bei solchen Sachen war ich dann dabei. Sozusagen ein ehrenamtlicher Helfer bei städtischen Aufgaben.

Bei der Sprangerschule bin ich Job-Pate. Das Projekt gehörte früher zur Kreuzkirche und jetzt zu „lebenswert“. Da bespricht man mit den jungen Leuten, wie man Bewerbungsgespräche führt, wie man sich da aufführt damit man positiv rüberkommt. Ich hab dann auch ein paar von ihnen vermitteln können, weil ich ja durch meine Tätigkeiten eine Menge Leute kenne. Wir arbeiten da auch mit Ariba zusammen, mit dem Jugendzentrum in der Heinestraße.

Außerdem geh ich auch zu verschiedenen Veranstaltungen die mich interessieren, beispielsweise zur Vortragsreihe der Industrie- und Handels-Kammer. Das sind immer wieder ganz spannende Themen, die sie da behandeln. - Man soll ja immer was tun, auch wenn man älter ist.

Dann bin ich ja noch im Ehrenrat beim SSV Reutlingen. Ich kümmere mich da immer um den Kuchen für den VIP-Bereich, die Bäckerei Berger sponsert immer Kuchen für die Heimspiele. Außerdem gibt es Plakate, die ich in Reutlingen, Betzingen und Rommelsbach aufhänge und verteile. Da kümmere ich mich mit drum und gestalte mit. Auch im Filmgeschäft war ich tätig als Komparse, unter anderem zusammen mit Iris Berben, Robert Atzon, Joachim Król und Ruth-Maria Kubitschek, vor ein paar Tagen auch bei den Dreharbeiten für den Film „Laible und Frisch“. Außerdem bin ich auch noch ein fleißiger Leserbriefschreiber im GEA.

Viele Menschen haben mal etwas erlebt, was ihrem Leben eine ganz einschneidende Wendung gegeben hat. Kannst Du auch so ein Erlebnis benennen?

Ja, das war die Flucht aus Schlesien, und dass ich meinen Papa mit 6 Jahren verloren habe. Vor allem, als ich ihn damals gesehen hab, wie er tot da lag. Furchtbar war das. -

Eine Veränderung in meinem Leben, die dann unmittelbar eine Entwicklung zur Folge hatte, war, dass ich damals das Studium begonnen habe. Vor allem die Festigkeit, die ich dafür brauchte: dieses „Egal, ich will durch, ich will weiter kommen, auch wenn die anderen jetzt schon viel mehr Geld verdienen“, dass ich den inneren Schweinehund wegdrängen konnte und sagen konnte „ich mach das, ich hab ein Ziel und dieses Ziel strebe ich an, egal was da kommt.“

Manchmal gibt es ja auch prägende Begegnungen mit Menschen, man stößt auf irgend jemanden, der einen so tief beeindruckt, das das Leben davon eine wichtige Wendung nimmt. Gab es auch bei Dir so jemanden?

Wir haben im Bekanntenkreis eine Frau, die hat Krebs. Und da haben wir uns beide gesagt „Das Leben kann so schnell zu Ende sein“, und dann unterstützt man die Betreffende, geht mit ihr zum Arzt oder zu auswärtigen Kliniken. Da verändert sich auch etwas, das ist aber mehr innerlich. Da ist ein Mensch allein, aber man merkt: man kann das Leben so schön gestalten, wenn man anderen hilft. Das machen wir jetzt auch gegenwärtig wieder mit jemand, wo uns das wichtig ist.

Vorhin habe ich vergessen zu fragen: wo und wann hast Du deine Frau kennen gelernt?

Ich war früher schon mal 6 Jahre verheiratet, und das ist jetzt meine zweite Ehe. Wir sind jetzt 41 Jahre verheiratet. - Sie hat damals in der Nähe gewohnt von meiner Wohnung. Kennengelernt haben wir uns im Freibad, ich hab sie da wohl irgendwann mal angesprochen. Im Lauf der Zeit hat man sich dann näher kennengelernt.

Du bist ja ein Mann, der schon viel erlebt hat. Gibt es etwas, was du so wichtig findest, dass du es jungen Leuten gerne weitergeben möchtest als Lebenserfahrung?

Seht zu, grade wenn eure Schulnoten nicht besonders gut sind, aber ihr habt Interesse an irgendeinem Beruf oder einer Branche und seht die Chance: macht da ein Praktikum! Das ist gut für euch selber, dann kann man immer noch entscheiden: Das gefällt mir oder gefällt mir nicht. - Bei dieser Gelegenheit sieht aber auch der Arbeitgeber, oder derjenige, der euch das Praktikum ermöglicht: Mensch, der ist aber geschickt, der arbeitet gut, der kann zuhören und das umsetzen. Und dann spielt das oft gar keine Rolle mehr ob der Betreffende eine Vier hatte in Mathe oder sonstwie schwache Schulnoten. Es gibt in Baden-Württemberg so tolle Handwerksbetriebe, wo Jugendliche eine Lehre durchlaufen und später ihren Gesellen und Meister machen können.

Was das Private betrifft, so trauen sich die meisten Leute nicht, auf einen zuzugehen, wenn sie Hilfe brauchen. Aber wenn ich von mir aus auf sie zugehe und ihnen anbiete „kann ich mal was helfen“ oder so, dann sind die plötzlich offen und sagen „oh, das ist aber schön.“ Von sich aus kommen sie nicht auf einen zu. - Das heißt: Ich muß selber die Augen auf haben im Leben und auf die Leute zugehen, und wenn einer das nicht will, dann merkt man das und hält dann halt mehr Abstand. Aber die meisten sagen „das ist aber nett dass du auf uns zukommst“, und dann nehmen sie eine Unterstützung gerne an.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Dr. Hermann Mezger