Interview mit Gerhard Steinhilper

 
 
Gerhard Steinhilper, Kreistagsabgeordner und früherer Notar, lebt mit seiner Frau im Ringelbach, umgeben von einem idyllischen Garten.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Herr Steinhilper, wie lange leben Sie schon hier im Ringelbachgebiet?

Das ist inzwischen 37 Jahre her, dass wir von Betzingen hierher gezogen sind.

Haben Sie in dieser Zeit mal etwas erlebt, das Sie als außergewöhnlich in Erinnerung haben?

Also an eigentliche Ringelbach-Ereignisse kann ich mich nicht erinnern. Allenfalls durch die Kinder gab es schon mancherlei Erlebnisse, vielleicht mit den Pfadfindern oder so. Aber davon abgesehen gab es hier eigentlich nie etwas Besonderes, so wie vielleicht ein Stadtteilfest. Da ist ja auch niemand, der so etwas in die Hand nehmen würde. -

Der Ringelbach ist halt ein Wohngebiet - aber ein SCHÖNES Wohngebiet!

Da kann ich nur zustimmen, besonders wenn ich an Ihren Garten denke.

Wir haben ja früher, so lange die Kinder noch da waren, und zur Freude von Kindern und Großeltern, im Garten auch Hühner gehabt, die sind frei im Garten herumgelaufen. Es waren zeitweise bis zu 15 Hühner, das war toll. Da haben sich die Leute gar nicht mehr zu uns in den Garten getraut, aus Angst vor den Hühnern. Es ist echt wahr, die hatten richtig Angst vor den Hühnern, obwohl kein Gockel dabei war. Später haben wir dann, jedenfalls für eine Weile, auch noch einen Gockel gehabt. Aber das war dann immer schwierig mit den Nachbarn, weil der morgens um fünf eben furchtbar laut wurde. Das war sehr sehr schwierig.

Aber jetzt fällt mir doch noch ein Ringelbach-Ereignis ein. Wir haben unsere Hühner nämlich an den Flügeln nicht beschnitten, und die sind halt immer wieder ausgerückt. Und einmal an einem Sommertag sind sie dann runter zum Friseur und bei dem in seine Frisierstube reingelaufen. Die Frauen, die da unter der Haube saßen, haben geschrien und waren nahe am Nervenzusammenbruch. Wir mussten dann kommen, um die Hühner einzufangen, denn kein Mensch hat sich dort getraut, ein Huhn anzufassen. - Das war eine wunderbare Geschichte. - Also für die Hühner waren wir bekannt.

Stammen Sie eigentlich aus Reutlingen, oder wie sind Sie hierher gekommen?

Nein, ich stamme aus Trossingen, wo Hohner seine Mundharmonikas und Akkordeons und andere Dinge gebaut hat. Nach Reutlingen kam ich durch meine Frau. In der Zeit, als wir uns kennengelernt haben, war sie hier noch an der PH. Letztendlich hat mich das dann nach Reutlingen gezogen. - Vorher, als Jungnotar, war ich im Ländle unterwegs, im Schwarzwald und in Tuttlingen und Böblingen. Damals wurde man ja immer wieder versetzt. Es gab in solchen Fällen plötzlich einen Erlass von oben: Ab nächsten Monat sind Sie in Böblingen beispielsweise, oder in Wildberg im Schwarzwald.

Und wie kam es dann, dass Sie am Ende doch nicht im Schwarzwald hängen geblieben sind?

Nachdem wir liiert waren, hab ich dann höflichst, untertänigst, gebeten, nach Reutlingen versetzt zu werden. Das war dann auch so. Es gab da natürlich noch eine weitere Schwierigkeit, überhaupt eine Notarstelle zu bekommen. Die sind ja nicht beliebig, man kann sich da nicht einfach niederlassen. Da werden Stellen ausgeschrieben, auf die kann man sich bewerben. Da hab ich damals Glück gehabt, dass in Reutlingen gerade eine neue Notarstelle eingerichtet wurde, die hab ich dann gekriegt.

Ja, und hier wohnen wir halt jetzt. Meine Frau trägt den Gemeindebrief der Kreuzkirche aus, sie kümmert sich auch noch um den Schaukasten dort. Dann singen wir beide noch mit im Chor der Kreuzkirche.

Als Notar waren Sie ja über viele Jahre tätig.

Aufgehört habe ich mit 65, altershalber. Wir waren ja Beamte in Württemberg, das ist eine spezielle Regelung hier, die läuft jetzt aus in diesem Jahr. Es gab diese einzige Ausnahme in Deutschland, dass hierzulande die Notare Landesbeamte waren. Mit 65 war dann eben Schluss. Ich hab 1976 hier angefangen als Notar, und das ging dann bis 2006.

Erst haben wir in Betzingen gewohnt, aber als dann das zweite Kind da war und alles einfach zu eng wurde, war es Zeit, sich nach etwas Größerem umzugucken. Ich hab mich dann im Kollegenkreis umgehört, ob irgendwo ein Haus zum Verkauf steht. Von irgendjemand erhielt ich dann den Hinweis, dass hier in der Payerstraße dieses Haus wäre. Ich hatte keine Ahnung wo das war und bat meine Frau, sich die Gegend mal anzuschauen. Sie sagte dann, das sei ganz da draußen, bei den Kasernen, und der Garten sei voller Brennesselbestände. Es war dann tatsächlich so, ein katastrophaler Zustand. Die Vormieter hatten im Keller Ziegen gehalten. Wir haben es dann trotzdem gekauft, mussten viel renovieren natürlich. Im Nachhinein war es eine der guten Entscheidungen in unserem Leben.

Auch die Verwilderung im Garten haben wir nach und nach behoben. Also das mit dem Garten, das war wirklich schlimm.

Man muss dazu sagen, damals wollte niemand alte Häuser kaufen. Wenn überhaupt, dann hat man lieber gebaut, schön und neu. Ein altes Haus zu kaufen, das galt als völlig unmöglich.

Sie haben sich dann auch politisch engagiert?

Naja, ich bin Vertreter im Kreistag. Ich bin damals von der SPD gefragt worden, ob ich nicht Interesse hätte, zu kandidieren. Daraufhin hab ich mir überlegt, ja, warum eigentlich nicht. Tatsächlich bin ich dann ja auch gewählt worden. Aber ich hatte mich vorher gar nicht in der SPD betätigt, ich bin ja nicht einmal Mitglied. Aus irgendwelchen Gründen hat man mich halt trotzdem gefragt. Vielleicht hing es damit zusammen dass wir schon in früheren Jahren mal kandidieren wollten, ein Freund und ich, aber damals wurden wir nicht als Kandidaten aufgestellt.
Jetzt bin ich da drin im Kreistag, mal sehen wie lang. Wenn die Stadt Reutlingen tatsächlich die Auskreisung durchsetzen würde, dann wäre ja das Mandat beendet.

Bei vielen Menschen kommt es ja vor, dass ein wichtiges Ereignis ihrem Leben eine einschneidende Wendung verleiht. Gab es bei Ihnen auch so etwas?

Ein einzelnes Ereignis nicht. Aber was mich sicher stark beeinflusst hat, im Gegensatz zu meinen Geschwistern, die sehr konservativ-bürgerlich eingestellt sind, das war in Trossingen meine Zeit bei den Pfadfindern. Ja, das hat mich sehr geprägt. Auch später war ich noch viele Jahre Landesschatzmeister und zeitweilig auch Landesfeldmeister - so hieß diese Führungsposition - beim Bund Deutscher Pfadfinder. Praktisch bis zu meiner Heirat mit Anfang 30 war ich da fast jedes Wochenende unterwegs. - Wissen Sie, sich von daheim zu lösen, selbständig zu sein, Auslandsfahrten zu machen mit praktisch nichts in der Tasche, wochenlang. Das hat mich sehr geprägt, und ich habe dadurch sehr interessante Leute kennengelernt.

Sind Sie denn auf bestimmte Menschen getroffen, die eine besonders wichtige Spur hinterlassen haben in Ihrem Leben?

Als erstes muss ich da natürlich meine Frau nennen. - Darüber hinaus gibt es da die frühere Führungsmannschaft von den Pfadfindern, wir pflegen bis heute noch einen sehr engen Kontakt. So feiern wir schon seit über 35 Jahren immer noch gemeinsam Silvester.

Als Nächstes zu nennen wäre da mein Vorgänger als Landesfeldmeister, der wurde später Professor für Psychologie und Pädagogik, der war ein Charismatiker. Der hat mich schon ziemlich geprägt durch seine Lebenshaltung. Dadurch wurde das Soziale bei mir noch weiter gestärkt. - Ich bin in verschiedenen Vereinen, im Vorstand von "pro labore", und bei "pro juventa". Bei der Kinderhilfe Rumänien kenne ich die Leiter, das Ehepaar Kirchmann, sehr gut schon seit den frühen 70er Jahren. Seitdem sind wir eng befreundet, und auch dieser Umgang hat mich sehr geprägt. Mit Norbert Kirchmann war ich mal drei Wochen in Griechenland unterwegs, daran erinnere ich mich noch lebhaft. Er ist ja ein sehr gefühlsbetonter Mensch, dagegen war ich eher realistisch. Ich wollte unbedingt damals, weil es Mode war, so eine Gesprächstherapie machen. Aber er sagte immer "oh bitte lass' es, du bist kein Mann für sowas".

Vor allem bin ich zu ihm wegen dem Singen gekommen. Er leitete ja das Ärzteorchester und machte damals eine Aufführung vom "Elias" von Mendelssohn. Da bot sich die Gelegenheit, bei ihm im Chor mitzusingen.

Sie gehören ja inzwischen auch zu den älteren Semestern und haben allerlei Lebenserfahrung angesammelt. Gibt es etwas, das Sie jüngeren Menschen als etwas Wichtiges gern mitgeben würden?

Wichtig ist für mich vor allem ein größerer Bezug, das kann eine Kirchengemeinde sein oder die Nachbarschaft. Ich könnte mir auch vorstellen, dass neue Wohnformen gefunden werden müssen, nachdem das frühere Familienmodell ja eigentlich nur noch teilweise funktioniert.

Ich sag immer, Leute, ihr müsst auch ein bisschen mehr nach der Umwelt gucken. Da denk ich nur an den Winter: die erste Schneeflocke, und dann wird schon gesalzen auf Teufel komm raus. Wir schmeißen da lieber Splitt hin. - Das sind zum Beispiel solche Sachen. Oder nehmen Sie den Garten: Da kommen die Leute und sagen bei unserem Garten: "Oh das sieht ja wunderschön aus, die vielen Blumen", da sag ich "dann pflanzt euch halt auch ein paar Blumen in euren sterilen grünen Garten rein". - Das sind alles so Dinge, wo ich meine, da könnte man, nein, da muss man mehr tun. - Das "urban gardening" beispielsweise, das finde ich eine richtig tolle Sache. Auch was das Bruderhaus da gemacht hat, mit ihren Bepflanzungen und Pflanzkübeln, das find ich toll.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Dr. Hermann Mezger)