Interview mit Dr. Bernhard Nübel

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Herr Dr. Nübel, wie lang arbeiten Sie jetzt schon hier im Ringelbachgebiet als Hausarzt?

In dieser Praxis arbeite ich jetzt 33 Jahre.

Wie sind Sie denn überhaupt hierher ins Ringelbachgebiet gekommen?

Wissen Sie, ich bin ja gebürtiger Reutlinger. Wir haben unten in der Lederstraße gewohnt, da wo jetzt der ADAC ist. Mein Vater hatte dort eine Praxis als Chirurg, die hat er zusammen mit meiner Mutter betrieben. Sie war ja auch Ärztin, eine sehr beliebte Frau, übrigens eine der wenigen Ärztinnen die über die Kriegszeit hinweg oben im Krankenhaus die Stellung gehalten haben. 1966 haben meine Eltern dieses Haus in der Hindenburgstraße gekauft und für die Praxis umgebaut, und oben drin haben wir dann als Familie gewohnt. Wir hatten dadurch auch schon Verbindungen zur Kreuzkirchengemeinde.

Ein paar Jahre später bin ich dann zum Studium verschwunden, und nach meiner Assistentenzeit hatte ich eigentlich vorgehabt, mich im Remstal niederzulassen. Als mein Vater dann 1982 schwer krank wurde und plötzlich ein Nachfolger gebraucht wurde, bin ich hierher gezogen und habe die Praxis übernommen. Bis dahin war das nie so gedacht gewesen, mein Vater hatte eigentlich noch lange selbst weiter arbeiten wollen. Naja, und ein paar Jahre später ist dann noch mein Bruder in die Praxis mit eingestiegen. Weil wir hier aufgewachsen sind, waren wir ja schon von früher her bekannt wie bunte Hunde, und deshalb waren wir auch hier verwurzelt und kannten alle Leute.

Erinnern Sie sich an ein Ereignis aus dieser langen Zeit, das Sie besonders beeindruckt hat?

Naja, als Arzt erlebt man ja vielerlei skurrile Sachen im Lauf der Jahre. - Aber was mir grade einfällt: Da gab es eine ältere Schwäbin, die lebte ganz draußen im Ringelbach in einer Art Armenviertel, heute sagt man "sozialer Brennpunkt". Sie hatte keine Angehörigen und hat alle Leute geduzt. Die hatte einen Diabetes und bekam einen offenen Fuß, da bin ich dann auf Drängen ihrer Nachbarin mal hingegangen und hab sie verbunden. Sie war auch sehr dankbar, und als ich mit dem Verbinden fertig war und ihr noch ein paar Sachen zum Verbinden aufgeschrieben habe, sagte sie: "Doktor, des war recht, dass de do war'sch, ond jetzt gohscht du noh en 'd Apothek' ond holscht m'r des ganze Zeug." So als ob das das Selbstverständlichste von der Welt wäre, aber es war ja schon ziemlich distanzlos. Naja, sie hat niemand gehabt der das für sie macht, da hab ich ihr halt die Sachen geholt und das für sie erledigt. Sie war dann überglücklich, das war eine betagte Frau, und ich habs gern gemacht. - Sie hat später nicht mehr sehr lang gelebt.

Können Sie uns kurz die wichtigsten Stationen in Ihrem Leben erzählen?

Als gebürtiger Reutlinger bin ich hier in die Schule gegangen, war dann Schulsprecher im Listgymnasium, später übrigens auch Fachschaftssprecher im Studium. Dass ich politisch ein bisschen verwurzelt war, das haben wir vielleicht von unserem Vater geerbt, der war ja damals in der SPD. Den Wehrdienst habe ich verweigert und musste deshalb eine Prüfung machen. Das Medizinstudium habe ich in Hohenheim angefangen und wechselte später nach Tübingen, da hab ich dann auch Examen gemacht.

Für die Medizinalassistentenzeit ging ich ich erstmal nach Delmenhorst, aber weil meine damalige Freundin und heutige Frau als Lehrerin nach Schorndorf versetzt wurde, bin ich dann wieder hier herunter gezogen. Für die Ausbildung als Assistenzarzt war ich in Bad Cannstatt, später in Schwäbisch Gmünd und Schorndorf. Dort sind auch unsere ersten Kinder geboren. Später wollte ich mich als Allgemeinarzt dort in der Nähe niederlassen, dann kam allerdings 1982 die Krankheit meines Vaters. Durch einen Schlaganfall wurde er dann pflegebedürftig, und meine Mutter hätte die Praxis niemals alleine weiter betreiben können. So hab ich das Vorhaben mit der Praxis im Remstal aufgegeben und bin halt wieder hierher gezogen, unser drittes Kind ist auch hier geboren. Die ersten Jahre haben wir noch in der Alteburgstraße gewohnt, jetzt leben wir in Gönningen.

Dann kam ja die Zeit, als es hier um den Tunnel mit dem Atombunker ging in der Rommelsbacher Straße. Da bin ich hier öfters angeeckt, weil ich der Meinung war dass das ein Unding ist, und das hab ich auch offen gesagt. Aber das war damals so: wenn man friedensbewegt war, dann wurde man dafür entsprechend angeguckt. Das ging die ganzen Jahre vorher schon und auch danach noch, wir waren bei den Demonstrationen gegen die Pershing-Raketen dabei, in Mutlangen und Engstingen. Das gab damals ziemliche Schwierigkeiten für meine Frau, weil die ja Beamtin war, sie ist auch verurteilt worden deshalb, und auch gegen mich selbst gab es einige Anfeindungen damals. Aber ich glaub nicht, dass deshalb Patienten weggeblieben sind.

Können Sie uns Menschen nennen, die für Sie und Ihre Entwicklung besonders wichtig geworden sind?

Während einer Veranstaltung gegen Atomwaffen habe ich mal eine Ansprache von Professor Bernhard Lown gesehen, dem bekannten amerikanischen Kardiologen. Er hat ja die IPPNW gegründet (International Physicians against Nuclear War = Internationale Ärzte gegen Atomkrieg). Durch seine Arbeit war er weltbekannt, und dass er in dieser schwierigen Zeit des kalten Kriegs den Mut hatte, als exponierter Wissenschaftler öffentlich hinzustehen und gegen die Vorbereitungen für einen Atomkrieg zu kämpfen, das hat mir sehr imponiert. Der war sicher ein gewisses Vorbild, auch in seiner Integrität. - Und auch Albert Schweitzer hat mich zeitlebens sehr beeindruckt, nicht bloß wegen dem Orgelspiel und seiner ärztlichen Arbeit an seinem Hospital in Lambarene. Auch der hat ja schon in den 50er Jahren öffentlich und vehement vor einem Atomkrieg gewarnt und ist - trotz seiner Berühmtheit - wegen dieser Haltung ziemlich angefeindet worden.

Manchmal gibt es bestimmte Ereignisse, die unser Leben prägen und ihm womöglich eine andere Richtung geben. Haben Sie auch so etwas erlebt?

Also richtige Wendepunkte gab es eigentlich nicht, aber es gab Erlebnisse, wodurch die vorher schon bestehende Richtung verstärkt wurde. Unser Vater war sozialpolitisch recht engagiert, und das haben wir Kinder natürlich mitbekommen. Als dann 1986 der Reaktor in Tschernobyl explodiert ist, hat das alle sehr bewegt, schließlich hatten wir kleine Kinder. Alle hatten Angst, und man wusste eigentlich gar nicht was genau los ist und wo die Wolke war. Diese Ratlosigkeit bei allen, Sie werden sich selbst sicher auch noch an die Zeit erinnern.

Wenn man Sie trifft und Sie genügend Zeit haben, über welche Themen mögen Sie gerne reden?

Ich bin offen für alle Themen. Lokalpolitisch und auch kirchenpolitisch, mich kann man eigentlich mit allem kriegen. Fatal ist ja nur, dass die meisten Leute das gar nicht so interessiert, sondern dass sie sagen "ich hab da ein medizinisches Problem". Ärztliche Berufspolitik - da schwätz' ich eigentlich nicht gern drüber. Ich mache das, weil ich halt im Ärztenetz-Vorstand bin und das nun mal jemand machen muss, aber besonders gern beschäftige ich mich damit nicht. - Und im übrigen mag ich gern Musik, ich spiele Klavier und singe gern im Chor, damit möchte ich mich später auch vermehrt beschäftigen wenn ich dann mal im Ruhestand bin.

Sie sind in einem Alter indem man schon allerhand Lebenserfahrung gesammelt hat. Gibt es etwas, das Sie der jüngeren Generation gerne als Botschaft mit auf den Weg geben möchten?

Die Message an die Jüngeren ist, dass man sich informieren muss, sich nicht nur auf irgendwelche Meldungen aus dem Internet verlassen sollte, sondern dass man sich möglichst vielseitige Informationen holt. Wenns geht aus vielen verschiedenen Quellen. Grade die große Politik sollte man nicht nur über Schlagwörter verfolgen. Immer hinterfragen "stimmt die Nachricht?", und "was kann ich dazu beitragen, dass sie korrigiert wird?" wenn sie nicht stimmt. Bloß nicht immer das glauben, was einem die Leute weismachen wollen!

"lebenswert" möchte die Menschen im Ringelbach zusammen bringen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit dieses Projekt weiterkommt?

Am Wichtigsten ist, dass man die Leute irgendwie persönlich zusammenführt, vielleicht indem man irgendwelche Abende oder Diskussionsveranstaltungen oder so gestaltet. Nur über EDV-Vernetzung wird man da nicht weit kommen. Grade die alten Leute haben nicht so die Fähigkeit, sich mit den ganzen Internet-Sachen zu beschäftigen, und spätestens wenn der Enkel wieder weg ist, sind sie halt wieder abgehängt. - Also persönliche Kontakte, darauf kommt es an.

Vielen Dank für das Gespräch!

(die Fragen stellte Dr. Hermann Mezger)