Interview mit Burkhard Braach

Burkhard Braach, 66, verheiratet,
3 erwachsene Kinder, 6 Enkelkinder, 5 Patenkinder, Dipl.-Tonmeister, Dipl.-Ingenieur, Fachjournalist, im aktiven Ruhestand mit Teilzeit-Selbstständigkeit

 
 
 
 
 
 
 

Lieber Burkhard, deine Familie lebt seit jeher ohne Auto – wieso?

Nun, zunächst hatte ich als Student und dann als junger Familienvater kein Geld für ein Auto. Dann kam der Gedanke des Umweltschutzes. Letztlich hat sich daraus ein Lebensstil entwickelt, der uns gefällt. Wenn ich z.B. meine Frau vom Zug abhole und der mal wieder zu spät kommt oder ganz ausfällt, dann warte ich eben in der Kneipe gegenüber auf sie und genieße es, dort in Ruhe etwas zu trinken. Hier im Wohngebiert kommt man sowieso auch ohne Auto zurecht, solange man gut zu Fuß ist, und das sind wir noch.

Was bedeutet dir dein Wohngebiet, das Ringelbachgebiet?

Ich lebe gerne hier, vor allem in unserem Haus, das wir im Jahr 2000 gekauft haben, aber das Wohngebiet ist nicht Heimat. Auch Siegen, woher ich stamme, ist nicht mehr Heimat für mich. Heimat, das sind Menschen, vor allem einige ganz alte, ganz gute Freunde. Angenehm aber finde ich, dass wir hier schnell in der freien Natur sind. Verbessern würde ich gerne die Busverbindungen, besonders am Abend.

Welchen Stellenwert hat die Musik in deinem Leben?

Sie ist ein ganz wesentlicher Bestandteil meines Lebens. In meiner Familie wurde nicht musiziert, aber in der Grundschule kam der Musiklehrer mit einer Geige in die Klasse. Ich war fasziniert, dass es dieses Instrument, das ich nur aus dem Radio kannte, in Natura gab. Er gab mir dann kostenlos den ersten Geigenunterricht und lieh mir sogar seine Geige, bis ich von meinen Eltern ein eigenes Instrument bekam. Später spielte ich im Schulorchester, war dort Konzertmeister, aber zu einem Berufsgeiger hätte es wohl nicht gereicht. Außerdem interessierte ich mich für Technik. Deshalb habe ich an der Berliner Musikhochschule Tonmeister studiert – parallel zu Elektrotechnik an der Technischen Universität. Ich dachte, lieber erstklassige Geiger aufnehmen als selbst drittklassig spielen. Die Geige habe ich trotzdem nicht aufgegeben. Ein befreundeter Kommilitone an der Musikhochschule war als „Hauptfach-Geiger“ Schüler von Prof. Gerhard Taschner, einem ehemals bekannten Geigenvirtuosen. Der Freund schaffte es, dass ich öfters in Taschners Unterricht – außer Konkurrenz natürlich! – zuhören durfte. Jedes Mal ging ich begeistert nach Hause, dachte, jetzt weiß ich, wie dies und jenes geht, und probierte es selbst. Dann meistens die Ernüchterung: Warum geht das bei mir nicht? Dennoch, der kleine Schulmeister in der Grundschule und der große Virtuose an der Hochschule – beide haben mir eine Welt eröffnet.

Du hast aber nach dem Studium zum Tonmeister nicht lange in dem Beruf gearbeitet.

Überhaupt nicht. Bei den Praktika habe ich bald gemerkt: Hier geht es nicht um Kultur. Hier ist eine reine Kulturindustrie. Möglichst schnell möglichst viel und billig produzieren. Das galt sogar für den Rundfunk. Mit der damaligen Mehrspurtechnik wurde z.B. der Wildschütz von Lortzing produziert, alles nacheinander aufgenommen und zusammengeschnitten. Der Chor hatte das Orchester nie gesehen, die Solisten hatten weder Chor noch Orchester gesehen. Das Ergebnis: korrekt, aber musikalisch mausetot. Das war nichts für mich. Trotzdem habe ich das Studium regulär abgeschlossen. Schließlich hatte ich dort u.a. gratis Klavierunterricht.

Während deines offiziellen Studiums zum Tonmeister hast du auch noch „illegal“ studiert. Wie geht das?

Das war so halb legal. Man durfte nicht gleichzeitig an zwei Hochschulen immatrikuliert sein. Regulär war ich an der TU immatrikuliert, das Tonmeisterstudium habe ich als „Gasthörer“ absolviert und nur die Prüfung offiziell abgeschlossen. Diese Kombination war nur in Berlin möglich. Manche meinten, ich sei wegen der Bundeswehr nach Berlin gegangen, aber für Kriegsdienstverweigerer wie mich hatte Berlin keinen besonderen Status. Ich bin auch gleich, nachdem ich schließlich das Elektrotechnik-Diplom hatte, aus Berlin verschwunden, zu meiner ersten Arbeitsstelle in der Nähe von Lahr und in die erste gemeinsame Wohnung mit meiner Frau.

Wieso bist du von Berlin ausgerechnet in den Schwarzwald gezogen?
Berlin, genauer West-Berlin vor der Wende, war mir zu eng, ich fühlte mich eingesperrt. In den Schwarzwald wollten meine zukünftige Frau und ich, seit wir bei einer Wanderung in den Vogesen eine wunderschöne Sicht auf die Rheinebene und den Schwarzwald hatten. Wir haben gesagt: Da unten wollen wir wohnen. Ich habe dort in einer Vertriebsfirma für Tonstudiogeräte gearbeitet. Eigentlich inkonsequent nach meiner Kritik an der gängigen Aufnahmepraxis. Aber wir wollten einfach mal leben.

Wie kamst du denn dann nach Reutlingen?

Nun ja, die Landschaft war gut, aber die Firma auf Dauer nicht. Außerdem bleibt der Vertrieb technisch meist an der Oberfläche. Deshalb habe ich mich bei Wandel & Goltermann in Eningen beworben und bin dort in die Elektronik-Entwicklung eingestiegen. Das war eine gute Erfahrung, ein Kampf auf der physikalischen Ebene. Doch dann kam ein Angebot dazwischen. Für die hauseigene technische Kundenzeitschrift suchte man einen verantwortlichen Redakteur, und weil ich schon aus der Entwicklung heraus mehrere Beiträge dafür verfasst hatte, traute man mir die Aufgabe zu. 15 Jahre lang habe ich die Zeitschrift betreut. In dieser Zeit ist nicht nur die Technik weit fortgeschritten, auch die Firma hatte sich von einem schwäbischen Familienunternehmen zu einer weltweiten Firmengruppe entwickelt. Bis dann die bekannten Probleme kamen.

Leider hat dich dann eine Umstrukturierung sozusagen kalt erwischt und du wurdest „freigestellt“. Wie war das für dich?

Zunächst war es ein Schock. Aber ich bin, wie man so sagt, auf die Füße gefallen, denn so begann meine Selbstständigkeit. Als freier Fachjournalist habe ich technische Schriften für Firmen erstellt, Artikel für Fachzeitschriften verfasst und sogar wieder eine Kundenzeitschrift betreut: Für den Deutschland-Vertrieb eines japanischen Herstellers von Labormesstechnik. Und weil man nicht viermal im Jahr spannend über Laborgeräte schreiben kann, haben wir Kunden mit interessanten Anwendungen gesucht. Das Spektrum reichte von wissenschaftlichen Instituten wie dem Forschungszentrum Dresden-Rossendorf über die Wartung von ICE-Zügen der DB, Prüfständen für Motoren und Bremsen oder Messungen an Starkstrom-Einrichtungen für Kraftwerke und große Photovoltaikanlagen. Manchmal gab es auch spaßige „Anwendungen“ wie bei der Filmakademie Ludwigsburg, wo ein fiktives Mars-Labor mit Messtechnik auszustatten war. Das erforderte natürlich immer wieder detaillierte Recherche und Einarbeitung mit vielen unbezahlten Stunden, aber war hoch spannend. Und die Reisen zwischen Flensburg und Passau gefielen mir auch – mit Bahn, Bus, wenn nötig Taxi, und Übernachtung im Hotel, statt am selben Tag zurück zu brausen. Leider musste ich dann aus gesundheitlichen Gründen etwas kürzer treten.

Wie hat deine Liebe zur Musik dein weiteres Leben begleitet? Und was ist die „Camerata Nucleare“?

Ich habe weiter Geige gespielt, auch in zwei Orchestern, zunächst in der "Camerata Nucleare", die auch als SINFONIA E, dem Symphonieorchester der deutschen Energiewirtschaft, auftrat. Sie bestand vorwiegend aus Mitarbeitern der Kernkraftwerke. Mathematisches und physikalisches Verständnis ist ja häufig mit musikalischer Begabung gekoppelt. Als Kernkraft-Kritiker hatte ich zunächst Scheu, aber es war eine gute Möglichkeit, mit den Fachleuten auch über das Thema Atomkraft zu sprechen, ohne gleich in das „gegnerische Lager“ eingeordnet zu werden. Vor zehn Jahren bin ich dann zum Reutlinger Kammerorchester gestoßen. Vor zwei Jahren musste ich dort aufhören, weil mein rechter „Bogenarm“ zu sehr zittert, aber die Plakate und Programmzettel für die Konzerte mache ich immer noch. Die Aufführungen finden ja in der Kreuzkirche statt, und Stühle rücken kann ich noch, auch immer gern mit dem Mesner, der zwar Krieger heißt, aber einer der friedfertigsten und liebenswürdigsten Menschen ist, die ich kenne.

Hattest du, hast du in deinem Leben ein Vorbild?

Ja, den Pianisten und Komponisten Béla Bartók. Er hat wunderbare Musik geschrieben und war, politisch gesehen, ein ganz aufrechter Mensch.

Deine Anleitung zum Glücklichsein?

Meine Familie, ich habe eine sehr schöne Familie, und meine grundsätzlich positive Lebenshaltung, die ist vielleicht auch einfach ein Geschenk.

Ganz herzlichen Dank!

Die Fragen stellte Helga Remsing