Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 1 von 6)

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 1 von 6)

Kürzlich habe ich hier einige Überlegungen zum Gelingen von Paarbeziehungen ausgeführt und über die hierfür erforderliche Beziehungsarbeit.
Zu diesem Themenkomplex möchte ich heute noch ein paar Gedanken nachtragen, die wichtig sind: Beim Bemühen um den Aufbau einer tragfähigen Partnerschaft kommt es nicht nur darauf an, die nötige Beziehungsarbeit zu betreiben. Nein, man kann dabei nämlich auch einiges FALSCH machen!

Eine Gruppe schwerwiegender Fehler, auf die Paartherapeuten immer wieder stoßen, benannte der amerikanische Psychologe John Gottmann "die apokalyptischen Reiter der Beziehungskrise". Diese eigentümliche Formulierung bezieht sich auf die in der Bibel genannten Reiter, die den Weltuntergang ankündigen (Offenbarung des Johannes, Kap. 6). Es handelt sich dabei um folgende vier Faktoren: Verallgemeinernde Kritik, Rechtfertigung, Verachtung und Rückzug ("Mauern"). Was ist damit gemeint?

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 2 von 6)

VERALLGEMEINERNDE KRITIK:

"Immer kommst du zu spät." - "Du begreifst überhaupt nichts." - "Du kannst einfach nicht mit Geld umgehen". - Mit solchen und ähnlichen Formulierungen ("nie", "immer") erklären wir den Partner für komplett unfähig, die beanstandeten Punkte besser (d.h. erfolgreich) zu regeln.
Günstiger wäre hingegen, wenn wir eine andere Formulierung benutzen, nämlich die der BESCHWERDE: "Dass du heute schon wieder zu spät gekommen bist, ärgert mich wirklich." - "Ich habe mir solche Mühe gegeben, dir das klarzumachen, und ich bin enttäuscht, dass du es trotzdem nicht verstehst." - "Ich bin enttäuscht, dass du schon wieder soviel Geld ausgegeben hast, und mir vergeht allmählich die Lust, mit dir zusammen zu sein."

Wenn wir eine geeignete Sprache wählen, können wir dem Partner durchaus klar machen, dass wir enttäuscht und sehr verärgert sind. - Aber keineswegs erklären wir ihn für unfähig und wir vermeiden so, seine Selbstachtung zu beschädigen.

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 3 von 6)

RECHTFERTIGUNG:

"Ich hab den ganzen Tag gearbeitet und bin abends völlig fertig, da kann das doch mal passieren, dass ich vergesse meine Schuhe wegzuräumen." - "Deine Mutter nervt einfach ständig herum, ich kann doch schließlich nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen." - "Das ist doch nicht so wild, wenn ich deine Krankmeldung nicht rechtzeitig abgegeben habe, deshalb brauchst du doch nicht so ein Theater zu machen."

Mit Rechtfertigungen drücken wir aus, dass wir uns nicht verantwortlich fühlen für unser Verhalten, das dem Partner missfällt:"Ungünstige Umstände haben mich daran gehindert, mich so zu verhalten, wie du es von mir erwartet hast. Deshalb kann ich nichts dafür." - Nun kann es ja durchaus mal passieren, dass mir die Straßenbahn vor der Nase davonfährt. Doch wenn ich dauernd mit irgendwelchen Ausreden daherkomme, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn mein Partner ungeduldig wird.

Besser wäre also, zu sagen: "Stimmt, ich hab schon wieder vergessen, meine Schuhe wegzuräumen und kann verstehen, dass dich das immer mehr ärgert." - "Deine Mutter nervt, und das hat mich so in Rage gebracht, dass ich diese dumme Bemerkung gemacht und sie beleidigt habe." - "Ich verstehe zwar noch nicht, warum dich das mit der Krankmeldung so aufbringt, aber es tut mir leid, dass ich vergessen habe sie abzugeben."

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 4 von 6)

VERACHTUNG:

"Meine Güte, du bist ja vielleicht schnell eingeschnappt, stell dich doch nicht so an" - "Wie kann man auch so blöd sein" - "Sieh dich bloß selber an, du machst es doch kein Haar besser" - das ist die Sprache der Verachtung. Doch auch wenn wir höhnisch lachen, oder wenn wir womöglich bloß mit den Augen rollen, dann drücken wir damit gleichfalls aus, dass wir den anderen verachten.

Wenn wir unseren Partner verächtlich behandeln, dann entziehen wir ihm unsere Achtung und beschädigen darüber hinaus sein Selbstwertgefühl. Wenn das öfters vorkommt, so wird er über kur oder lang anfangen, uns dafür zu hassen. Verachtung ist eine massive Form des Aggressiv-Seins, sie wirkt sich zerstörerisch aus. Ausnahmslos ist sie der Ausdruck dafür, dass wir eigentlich sehr wütend sind und den Anderen in unserer Wut ablehnen.

Besser wäre es also, dem Partner in solchen Fällen klar zu sagen "Ich bin unglaublich enttäuscht von dir und hab eine Wut auf dich." - Vielleicht kann man auch sagen "Ich fühle mich innerlich grade sehr weit weg von dir." - Das fühlt sich zwar überhaupt nicht nach einer harmonischen Partnerschaft an. Dafür aber ist es eine klare Aussage, bei der der Partner sich ernst genommen fühlt und trotzdem weiß, woran er ist.

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 5 von 6)

RÜCKZUG:

Mit "Rückzug" oder auch "Mauern" ist gemeint, dass eine(r) der beiden Partner auf Fragen keine Antwort mehr gibt, den Blickkontakt vollständig vermeidet, den anderen "links liegen lässt". Entweder spricht er überhaupt nicht mehr, oder wenn sie überhaupt noch ein paar Worte redet, so bleiben die kühl und unpersönlich: "Das Salz fehlt." - "Ich brauch den Autoschlüssel." - "Ich komme irgendwann, ist ja egal."

Durch solches "Mauern" geben wir unserem Partner zu verstehen, dass er uns gleichgültig ist, dass wir kein Interesse (mehr) an ihm haben. Wir brechen die emotionale Verbindung ab, die bis vor kurzem noch zwischen uns bestand, und jetzt behandeln wir ihn so, als ob er uns vollständig fremd wäre. Durch distanzierte Behandlung signalisieren wir ihm, dass wir mit ihm nichts zu tun haben wollen und dass wir uns auch zuvor niemals nahe waren. - Wenn er tatsächlich ein völlig Fremder wäre, wäre das vielleicht noch gar nicht mal so schlimm. Da wir aber in Wirklichkeit bis vor kurzem noch ein (Liebes-)Paar waren, stößt das "Mauern" den Partner emotional weit weg und tut ihm sehr weh ("du bist für mich gestorben!"). Dadurch wird alles Verbindende entwertet, das es früher mal zwischen uns gab. - Auch wenn distanziertes Verhalten oft nur ein hilfloser Ausdruck von tiefer Enttäuschung sein mag, so führt solch emotionales Zurückstoßen trotzdem zur Beschädigung der Selbstachtung des Anderen. Dadurch wirkt es sich zerstörerisch aus auf die Beziehung.

Besser wäre, wenn es gelänge, etwas zu sagen wie: "Ich bin maßlos enttäuscht von dir." - "Im Moment mag ich nicht in deiner Nähe sein." - "Grade fühle ich mich sehr weit weg von dir."
Solche Formulierungen machen dem Anderen durchaus klar, dass ich jetzt keine Zuneigung für ihn empfinde, und das mag vielleicht noch eine ganze Weile andauern. Aber sie führen nicht dazu, dass er sich vollständig ignoriert fühlt mit der Folge, dass wir seine Selbstachtung sabotieren (mit unabsehbaren Folgen).

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Apokalyptische Reiter der Paarbeziehung (Teil 6 von 6)

Wer über die "apokalyptischen Reiter der Paarbeziehung" noch mehr erfahren möchte, der wird im Internet an zahlreichen Quellen fündig.

Hermann Mezger

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