Interview mit Ulrike Droll

Ulrike Droll,
Mitbegründerin des WIGWAM-Wohnprojekts,
betreut heute ihre Mutter.

 
 
 
 
 
 
 
 

Frau Droll, wie sind Sie denn überhaupt hierher ins Ringelbachgebiet gekommen?

Im Ringelbach sind wir jetzt seit 2015. Im Oktober sind wir hierher gezogen, also meine Mutter und ich. Ich hab ja früher schon in Reutlingen gewohnt, in einer ersten Phase von 1991 bis 2001. Weil meine Mutter damals allmählich pflegebedürftig wurde, bin ich dann nach Baden-Baden gezogen und hab sie unterstützt.

Bereits 1993 hatten wir in Reutlingen ja die Gruppe "Frauen am Werk" gegründet. Unter anderem hatten wir dort schon lang ein gemeinsames Wohnprojekt verfolgt, entsprechend unserem Motto "Leben, Wohnen, Arbeiten unter einem Dach". Das sollte für ältere und alte Menschen sein, aber auch für Familien mit Kindern, also ein gemischtes Projekt. In unserem damaligen Zentrum in der Planie 22 wäre das von den Räumlichkeiten her auch möglich gewesen. Am Ende ließ es sich aber trotzdem nicht realisieren. Wir haben es der Stadt immer wieder vorgeschlagen, sie ist darauf aber nicht eingegangen. Schließlich haben wir aufgegeben. Stattdessen hat uns die Stadt dann hier in dieser Gegend etwas angeboten, wo früher die Kasernen waren. Aber es gab etliche Leute bei uns, die keinesfalls in Kasernen wohnen wollten, auch nicht in ehemaligen. So hat sich die Gruppe der Interessenten immer wieder verändert in ihrer Zusammensetzung. Etwa 2002 nannten wir unser Wohnprojekt zunächst "Seniora", aber eine Frau wollte ihren Partner mitbringen, und eine andere wollte mit ihrer deutlich jüngeren Tochter einziehen. Da hätte der Name dann nicht recht gepasst. Deswegen haben wir uns umgetauft in "WIGWAM". Ursprünglich hatten wir ja ein generationsübergreifendes Projekt angestrebt. Aber Familien mit Kindern brauchen halt viel Platz, und von den inzwischen verfügbaren Grundrissen her konnten wir den einfach nimmer bieten. - Die Leute in unserer Projektgruppe kamen und gingen: Für sowas benötigen Sie einen langen Atem und genügend Ernsthaftigkeit. Und irgendwann brauchen Sie auch die Bereitschaft, Geld auf den Tisch zu legen, damit Sie Planer und Architekten bezahlen können für die ersten Entwürfe. Auch dabei sind dann wieder einige abgesprungen, das war ihnen einfach zu riskant. - In einer langen Planungs- und Findungs-Phase haben wir 10 Jahre an dem Ganzen herumgetüftelt, davon die letzten 6 Jahre für das jetzige WIGWAM-Projekt, bis wir schließlich einziehen konnten.

Erinnern Sie sich an etwas, das Sie im Ringelbach besonders beeindruckt hat?

Von meiner früheren Wohnung in der Oststadt her kannte ich das Ringelbach-Gebiet nur als abgelegen und unattraktiv, meinem Eindruck nach gab es da kaum Infrastruktur. Als ich jetzt wieder hierher kam, war das zu meiner Überraschung ganz anders als ich das in Erinnerung hatte: Die Infrastruktur ist top, es gibt Kindergärten, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten. Das Quartier hat sich in den letzten Jahren zu einer sehr attraktiven Wohngegend entwickelt. Das hatte ich so überhaupt nicht erwartet. Ich würde gar nicht mehr in der Großstadt wohnen wollen, hier ist die Luft viel besser und man hat tolle Freizeitmöglichkeiten.

Können Sie uns kurz die wichtigsten Stationen in Ihrem Leben erzählen?

Ursprünglich bin ich gebürtige Freiburgerin, mit 10 Jahren kam ich nach Karlsruhe. Dort hab ich die Schule fertig gemacht und dann eine Lehre angeschlossen zur Werbekauffrau. Ich wollte immer "was mit Text" machen, und deshalb wäre ich eigentlich gern zur Zeitung. Das Arbeitsamt hatte mir aber gesagt, ohne Abi könnt' ich mir das aus dem Kopf schlagen. Erst als Redakteurin erfuhr ich von Kollegen, dass das gar nicht stimmt, ich hätte mich also ruhig schon damals bewerben können. - Nach meiner Lehre hab ich in Pforzheim die Fachhochschulreife gemacht und dann Betriebswirtschaft studiert. Für mein Werbefach wären Berlin oder Hamburg die Alternativen gewesen. Aber ich war halt immer heimatverbunden und wollt nicht soweit weg. - Pforzheim liegt ja in Grenznähe zu Schwaben. Im Studium hatte ich viele Schwaben als Kollegen und hab dann g'merkt, okay, die Schwaben sind gar net so. So bin ich nach dem Studium gar nicht zurück in meinem erlernten Beruf, sondern ging gleich als Volontärin zur Stuttgarter Zeitung und hab danach bei der Südwestpresse in Ulm als Redakteurin gearbeitet, in der Wirtschaftsredaktion. Mein Interesse für Texte und das Studium in Betriebswirtschaft waren ja eine gute Voraussetzung dafür.

1988 bin ich dann weggegangen von Ulm und zurück ins Elternhaus nach Baden-Baden, um mich selbständig zu machen als freie Journalistin. Da hab ich dann ein paar Jahre für verschiedene Tageszeitungen gearbeitet. Da recherchiert man zu bestimmten Themen, je nachdem was die haben wollen. Damals hab ich auch Pressearbeit fürs Landesgewerbeamt in Stuttgart gemacht, und deshalb hab ich ein kleines Büro in der Nähe von Stuttgart gesucht, damit ich nicht so lang fahren muss.

Irgendwann damals war ich auch Mitglied der Frauenpartei geworden. Wir haben Wahlkampf gemacht für die Landtagswahlen, und dabei hab ich in Stuttgart an unserem Stand eine Reutlingerin kennen gelernt. Die hat mir von der Planie erzählt. So kam der Kontakt nach Reutlingen zustande, und dann hat mich Reutlingen nicht mehr losgelassen.

Damals haben wir die Gruppe "Frauen am Werk" gegründet. Da hab ich dann mit Existenzgründungs-Beratungen angefangen, anfangs war ich damit selbständig. Ursprünglich war das nur für Frauen, später dann erweitert auch auf Männer und Frauen. Zwischenzeitlich ging ich dann wieder zurück nach Baden-Baden, damit ich mich um meine pflegebedürftige Mutter kümmern konnte. Ab 2004 hab ich meine Beratungstätigkeit von dort aus fortgesetzt als freie Mitarbeiterin eines Vereins in Stuttgart, der im Auftrag des Job-Centers tätig wurde und sich auf solche Beratungen spezialisiert hat: erst nur in Stuttgart, und dann auch in Reutlingen.

Dabei bin ich gependelt zwischen meinem Hauptwohnsitz in Baden-Baden und der Unterkunft bei einer Freundin in Reutlingen. Über unser WIGWAM-Projekt bin ich dann wieder hierher zurückgekommen, zusammen mit meiner Mutter. Inzwischen bin ich im Wesentlichen damit beschäftigt, meine Mutter zu betreuen.

Können Sie uns Menschen nennen, die für Sie und Ihre Entwicklung besonders wichtig geworden sind?

Ja, besonders wichtig war da der Chef und Ausbilder in meiner Lehre, der hatte nur ein ganz kleines Unternehmen. Irgendwie hatte der erkannt was in mir steckt, der hatte meine Fähigkeiten gesehen und mich da gezielt unterstützt und gefördert. Ursprünglich war ich nämlich sehr schüchtern gewesen. Er überließ mir bald eine gewisse Verantwortung bei den Aufgaben, die er mir gab. Wahrscheinlich hat er mich auch ausgebeutet damals, aber alles in allem habe ich von seiner Unterstützung sehr profitiert. Er war Hobbypilot und flog oft im Sportflugzeug. Auf sein Drängen hin habe ich damals sogar Fliegen gelernt, und nur wegen gesundheitlicher Probleme habe ich damals den Flugschein nicht fertig gemacht.

Wichtig war später auch noch mein Ressortleiter bei der Südwestpresse. Bis dahin war ich ja sehr darauf trainiert gewesen, in einer Männerwelt immer meine Ellbogen einzusetzen, da geht es ja dauernd um Durchsetzung. Mein damaliger Chef war aber sehr empathisch und hat mich dabei unterstützt, meine weichen, weiblichen Seiten wieder zu entdecken und zu schätzen. Der hat mir gezeigt, daß es nicht dauernd darum gehen muss, sich unbedingt durchzusetzen, sondern dass ich auch mal Schwäche zeigen darf. Dass ich nachgeben oder etwas bleiben lassen kann, wo sich das Kämpfen überhaupt nicht lohnt. Dass es besser ist, Respekt vor anderen zu haben, vor den Texten von Redaktionskollegen, aber überhaupt vor anderen Menschen, eine gewisse Bescheidenheit. - Das war gut.

Manchmal gibt es bestimmte Ereignisse, die unser Leben prägen und ihm womöglich eine andere Richtung geben. Haben Sie auch so etwas erlebt?

Da gab es Einiges. Das war erstmal die tolle Gemeinschaft, die ich bei unserem Projekt in der Planie kennengelernt hatte. Das war etwas ganz Anderes als das Einzelkämpfer-Dasein einer freien Journalistin. - Aber auch früher schon die Gemeinschaftserlebnisse in der Wohngemeinschaft, in der ich als Redakteurin in Ulm lebte.
Wissen Sie, ich bin einziges Kind und Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Meine Mutter musste viel arbeiten um uns Beide durchzubringen, und sie musste wegen mir auch viele Nachteile in Kauf nehmen. Da habe ich früh gelernt, wie es ist, als Frau alleine und ohne Mann dazustehen. Dass diese Gesellschaft immer erst einmal den Mann als das Oberhaupt betrachtet, und dass Frauen es immer viel schwerer haben. Da hab ich gedacht, das ist ungerecht und da muss ich was ändern.

In meiner Schulzeit kam ich dann in Kontakt mit den Ausläufern der Studentenbewegung, wir wollten da mitdemonstrieren, aber unsere Rektorin hat uns eingesperrt. Später kam dann die Frauenbewegung. Ich bin ursprünglich römisch-katholisch, und ich hab mich schon als Schülerin über die päpstliche Enzyklika aufgeregt, als da die Pille verboten wurde, später kam dann die Welle öffentlicher Bekenntnisse: "Ich habe abgetrieben", man betrat da verbotenes Terrain. Und dann kam die Zeitschrift EMMA. - Das alles waren ja die Anfänge der Frauenbewegung. Diese Themen lagen damals einfach in der Luft, und eine gewisse Rebellion spielte in meiner Jugend einfach eine wichtige Rolle.

Wenn man Sie trifft und Sie genügend Zeit haben sollten, über welche Themen mögen Sie gerne reden?

Was mir vorschwebt, ist ein Zirkel von Menschen, die andere betreuen, so ähnlich wie ich das mache mit meiner Mutter. Ich meine jetzt nicht einen Gesprächskreis, in dem es vorwiegend um die Probleme der Pflegebedürftigen geht und um deren Einschränkungen. Nein, eine Gruppe die sich trifft um über sich selbst zu reden, über die eigenen Bedürfnisse und Interessen. Über Selbstfürsorge, aber auch über Gott und die Welt. Vielleicht eine Art Stammtisch, bei dem aber die Entwicklungsrichtung völlig offen ist, einfach dem Interesse der Beteiligten folgt. So ein Zirkel müsste sich natürlich irgendwo treffen, das könnte gerne auch hier bei uns sein, unten im Gemeinschaftsraum von WIGWAM. - Also das ist mein Interesse, und wenn jemand mich darauf hin anspricht, dann werde ich auf dieses Thema sofort einsteigen.

Sie sind in einem Alter indem man schon allerhand Lebenserfahrung gesammelt hat. Gibt es etwas, das Sie der jüngeren Generation gerne als Botschaft mit auf den Weg geben möchten?

Ja, doch: den Solidaritätsgedanken! Zu wissen und sich immer wieder klar zu machen: "Gemeinsam sind wir stark!" Das würde ich den Jungen gern weitergeben, ich glaube das wird sehr gebraucht heutzutage.

"lebenswert" möchte die Menschen im Ringelbach zusammen bringen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit dieses Projekt weiterkommt?

"lebenswert" kommt mir bisher immer noch vor wie ein virtuelles Projekt. Damit meine ich, dass es öffentlich kaum in Erscheinung tritt und deshalb vielleicht auch gar nicht so wahrgenommen wird von außen. Mir selbst geht es so, dass ich es nur über den Bildschirm erlebe: ich bekomme halt per e-Mail die Rundschreiben von "lebenswert", und es gibt die Internet-Auftritte mit Homepage und dem digitalen Marktplatz Ringelbach. Aber die Anwohner im Ringelbach sehen kaum was von dem Projekt.

Vielleicht sollte es ab und zu mal ein öffentliches Fest geben, oder einen monatlichen Hock, wo jeder dazu kommen kann der neugierig wird, vielleicht in der Pomologie oder so.

Frau Droll, vielen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Dr. Hermann Mezger)