Interview mit Dieter Holzner

Dieter Holzner, früher Gitarrist der Gruppe "Schwoißfuaß", verkauft heute Wein im Ringelbach.
Musik und Wein und Genuss-Welten sind seine Lieblingsthemen.

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Erzähl mal, wie bist Du in den Ringelbach gekommen?

Ich stamme gar nicht aus Reutlingen. Aufgewachsen bin ich in Göppingen und nach dem Abitur zum Studium an die Pädagogischen Hochschule Reutlingen gekommen. Das war 1975: für‘s Lehramt für Grund- und Hauptschulen, in den Fächern Sport und Deutsch. Wegen der damals miserablen Einstellungs-Situation für den Lehrerberuf, und da ich schon in verschiedenen Bands in Reutlingen mitgespielt hatte, habe ich 1979 nach der ersten Dienstprüfung erstmal ein Jahr Pause von der Pädagogik gemacht und die genutzt, um meinem Hobby nachzugehen, der Musik.

1979 hatten wir die Gruppe "Schwoißfuaß" gegründet. Die Band war ja dann bald ziemlich erfolgreich. Ich bin trotzdem 1980 in den Schuldienst gegangen, weil ich noch meine zweite Ausbildungsphase abschließen wollte. Aber die Einstellungs-Bedingungen im Lehrerberuf waren damals, wie schon gesagt, sehr schlecht, d.h.: nur 20 % wurden übernommen, und 80 % haben nach dem zweiten Ausbildungsabschnitt keine Anstellung bekommen. Der Erfolg von "Schwoißfuaß" hat mich deshalb dazu bewogen, mich relativ schnell wieder aus dem Schuldienst auszuklinken, um mich voll auf das Band-Abenteuer ein zulassen. Bis 1986 haben wir unendlich viele Konzerte gegeben, vornehmlich in Süddeutschland, und fünf Schallplatten aufgenommen. Danach gab es für mich natürlich keine Chance mehr, wieder in die Schule zurückzukehren. Dennoch, die Musikzeit war für mich eine gute Chance, mal was Anderes aus zu probieren. Ich glaube, darin steckte auch so eine Art Lebensphilosophie: Etwas zu wagen, sich auf neue Dinge einzulassen, nicht immer nur Mainstream zu sein. Wir waren dann ja schließlich damit auch sehr erfolgreich, also mindestens die sieben Jahre lang.

Nach dem Ende von "Schwoißfuaß" 1986 hab ich in Tübingen noch weiter studiert bis 1989, Diplompädagogik. Um mir das zu finanzieren, brauchte ich einen Job. Deshalb hab ich damals im Weinhandel angefangen. Ich hatte in Pfullingen gewohnt und beim "Gallier" immer wieder Weine eingekauft. Ab Oktober 1986 wurde dort die Stelle des Depotleiters frei und ich habe den Weinladen von dieser Zeit an geleitet. Vormittags war ich an der Uni und nachmittags im Laden. Meine Weinkenntnisse hab ich mir im Selbststudium, durch Weinreisen und natürlich auch in der ständigen Interaktion mit den Kunden angeeignet, sozusagen durch "Learning by Doing".

In der Zwischenzeit bin ich 1988 wieder nach Reutlingen gezogen, in eine Wohngemeinschaft in der Paul-Pfizer-Straße. In der Heinestraße stand damals dieser Laden leer, in dem ich bis heute bin. Es war eine ehemalige Filiale vom "Konsum". Die Firma "Der Gallier" wollte ohnehin nach Reutlingen ziehen, und so wurde der Laden in der Heinestraße angemietet und wir sind 1989 eingezogen. In dieser Zeit hab ich mich dann entschieden, das mit der Pädagogik endgültig sein zu lassen - das war für mich ohnehin immer eine Sackgasse gewesen. So konnte ich mich dann komplett auf den Laden konzentrieren.

1989 kam auch unser erster Sohn zur Welt. In der Zeit kamen also ein paar Dinge zusammen. Meine Frau ist ja auch Lehrerin, und mit ihr hab ich dann beschlossen, dass wir uns die Jobs in Zukunft teilen müssen, um gemeinsam für den wirtschaftlichen Fortbestand der Familie zu sorgen.

2005 hab ich mich vom "Gallier" getrennt, und zusammen mit einer kleinen Gruppe ehemaliger "Gallier"-Angestellten die Firma "Weinmusketier" gegründet: Eine illustre Gruppe von Idealisten und "Weinfreaks", die versuchen, sich mit ausgewählten europäischen Weinen ein eigenes Profil auf dem immer komplizierteren Weinmarkt zu schaffen. Und da gibt’s noch viel zu tun.

Wie bist Du eigentlich überhaupt auf die Musik gekommen?

Die Beat-Musik mit dem Gitarrensound der frühen Sechziger- Jahre hat mich "elektrisiert". Eine Gitarre zu besitzen war mein größter Traum. Mein älterer Bruder hat sich irgendwann eine E-Gitarre gekauft, ich bekam dann seine Wandergitarre, und wir haben uns dann die Hits der Beatles, Kinks und Shadows angeeignet.

Diese Musik und auch das Outfit dieser Zeit war meine Welt. Mein Bruder hat mit 13 seine erste Band gegründet. Damals war ich 11, und wenn ich bei denen im Proberaum dabei sein durfte, war das für mich viel schöner als auf dem Fußballplatz. Ich hab bis zur C-Jugend Fußball gespielt, dann hab ich aufgehört, weil mir der Proberaum lieber war und weil ich mich damals mit der Beatmusik einfach am besten identifizieren konnte: "Von den Beatles wachgeküsst, mit Jimmy Hendrix ausgeflippt und mit Miles Davis und Franz Zappa gereift“ . Das sind so ganz wesentliche Säulen in der Musik, die mich extrem beeinflusst haben und die mich wohl mein Leben lang begleiten werden.

Später, in meiner Oberstufenzeit, hab ich’s dann geschafft, das Klavier meiner Mutter aus dem Wohnzimmer meines verstorbenen Großvaters in mein Zimmer zu stemmen , und ab da war dieses Instrument "mein Schrank". Ich hatte dann auch die Gelegenheit, Unterricht zu bekommen bis zum Abitur.

Oft gibt es ja im Leben Menschen, von denen man hinterher sagen kann "die Begegnung mit dem hat mich nachdrücklich geprägt, sie hat wichtige Impulse hinterlassen". Gab es auch bei Dir so jemanden, den Du aus dem Stand benennen könntest?

Einer der einflussreichsten Menschen in der Zeit nach meinem Studium war für mich auch ein sehr guter Freund, André Schnisa - ein Mitmusiker aus unserer Band "Schwoißfuaß", unser Bassist, Hammondspieler und Komponist. Der war so ein hyperintelligenter Mensch mit photographischem Gedächtnis, Diplom-Psychologe aus Leverkusen mit Empathie und rheinländischem Humor. Aber auch ein sehr kritischer Zeitgeist, mit dem es extrem spannend war, über diese Zeit zusammen zu sein. Von dem konnte man sehr viel erfahren, und der hat mich sicher ganz entscheidend geprägt. Er konnte Emotionales, Persönliches und Intellektuelles ohne Schubladendenken miteinander verbinden, er war streitbar, aber nie arrogant. Natürlich war er auch eine sehr komplizierte Persönlichkeit. Mit seinem Engagement und mit seiner Kreativität hat er immer eine besondere Rolle gespielt, als Musiker, aber auch in seinem sozialen Umfeld in Tübingen. Mit ihm konnte man sich sehr intensiv auseinandersetzen. So jemand hinterlässt Spuren in einem - jemand der einen innerlich immer irgendwie begleitet. Er ist ja dann 1999 an Krebs gestorben, das war ein großer Verlust.

Es gibt ja auch Erlebnisse oder gesellschaftliche Bewegungen, die einem Leben neue Richtungen geben. Gab es auch bei Dir sowas?

Die familiären Ereignisse sind da ja schon die wichtigsten und prägendsten. Bis zu meinem 35. Lebensjahr hatte ich ja keine Kinder, und dann kam unser erster Sohn zur Welt. Wir haben drei Söhne im Abstand von jeweils zwei Jahren. Das hat unser Leben natürlich am meisten verändert und uns eine völlig neue Richtung gegeben. Das war sicher auch das größte Geschenk, und dazu gehört natürlich auch meine wunderbare Frau. Die Familie ist ja was ganz Zentrales.

Prägend für mich waren auch die gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Veränderungsprozesse der frühen siebziger Jahre, die Emanzipationszeit während meines Studiums, das Leben in einer großen Wohngemeinschaft mit so vielen Freunden hier in der Ringelbachstraße, wo viel probiert, diskutiert und auch gelebt wurde. Wunderbar. Wir hatten damals noch Utopien, vielleicht waren wir auch etwas verblendet, als wir glaubten, wir könnten gesellschaftliche Prozesse noch "zum Besseren" verändern. Das war sicherlich ein Grundstock für meine Einstellungen, der sich zwar bis heute nicht wesentlich verändert hat, der sich aber relativiert hat. Man sieht einfach, dass die Wirklichkeit oft leider in eine ganz andere Richtung abdriftet. Aber man darf die Hoffnung ja nie aufgeben.

Wenn Dir jemand begegnet und Du hast grade Zeit: auf welche Themen muss derjenige Dich ansprechen, damit Du darauf anspringst?

(Lacht): Musik! - Natürlich, klar. Ich bin jemand, der immer mit den Tönen lebt und in den Tönen seine Freiheit findet. Daher ist das ein Thema, über das ich unerschöpflich reden kann. - Wein- und Genuss-Welten sind auch immer fruchtbare Themen.

Du bist ja schon über die Lebensmitte hinaus und hast allerlei Erfahrung. Gibt es was, bei dem Du sagst "das würd ich den jungen Leuten gern mitgeben"?

Ohren auf, mitreden, kritisch denken! - Solidarisch sein, grundsätzliche Eigenschaften von Kommunikation beachten! - Gerade die Probleme, die wir heute haben, mit dem aufkommenden Individualismus, dass jeder nur für sich selbst kämpft - das sehe ich als ein extremes Problem. Aber das Schönste ist doch, wenn man etwas gemeinsam macht, wenn man sich gemeinsam engagiert und einfach solidarisch ist. Soziale Kompetenzen sind wichtig, das ist das was Leute weiterbringt. Freunde haben und sich nicht zurückziehen müssen. Und vor allem auch Toleranz gegenüber den Mitmenschen - das ist etwas, was grundlegend wichtig ist, damit wir überhaupt fähig sind in einer Gesellschaft zu leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Die Fragen stellte Hermann Mezger)